Leibniz-WissenschaftsCampus

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Wieso können Affen keine Sätze bilden?

Die Sprachfähigkeiten von Affen oder vielmehr der Mangel daran waren Thema gleich zweier Veranstaltungen im November.

Am 10. November konnten wir Tecumseh Fitch von der Universität Wien als Gastredner in Göttingen begrüßen. In seinem Vortrag schilderte er die aktuellen Entwicklungen in der Erforschung der Sprachfertigkeiten von Affen. Eindrucksvoll konnte er darlegen, dass es nicht die anatomischen Unterschiede zwischen Affe und Mensch sind, die den Mangel an Sprachfertigkeit bei Schimpanse und Co. erklären könnten.

Die Frage, ob Schimpansen Sprache erlernen können, treibt die Wissenschaft jedoch schon sehr lange um. In unserem Filmabend betrachteten wir dieses Thema deshalb aus historischer Perspektive. Bei „Project Nim“ handelt es sich um einen preisgekrönten Dokumentarfilm über die Versuche von Herbert Terrace (Columbia University) mit dem Schimpansen Nim Chimpsky. Bereits in den 1970er Jahren war relativ klar, dass Schimpansen, selbst wenn man sie wie Menschenkinder aufzieht, nicht beginnen zu sprechen. Aber wäre es möglich, dass Nim in einem derartigen Umfeld lernt, sich mit Zeichensprache zu verständigen? Und würde er grammatikalisch komplexe Sätze formen können?

Der Film berichtet nicht nur von den wissenschaftlichen Ergebnissen dieses Versuchs, sondern beleuchtet auch die Umstände, unter denen diese Studie durchgeführt wurde. Nim wurde bereits nach wenigen Wochen von seiner Mutter getrennt, und von menschlichen Pflegeeltern aufgezogen. Doch schon bald traten Spannungen zwischen Terrace und dessen Studienzielen auf der einen Seite, und den Fürsorgeplänen der Ersatzmutter auf der anderen Seite auf. Letztlich wurde Nim zu neuen Pflegeltern gegeben. Doch obwohl Nim schnell lernte, sich mit Hilfe von Zeichen zu verständigen, erreichte er nicht die Ausdrucksfähigkeit von Menschen. Sprache erlernte er nie.

Der Film zeigt schonungslos die aus heutiger Perspektive naive und falsche Vorgehensweise der Forscher auf. Da Nim nie in seine Schranken gewiesen wurde, wurde er als halb ausgewachsener Schimpanse zu einer Gefahr für seine Betreuer. Nachdem er nicht mehr in einem menschlichen Haushalt leben konnte, wurde der Versuch abgebrochen. Ohne sich jedoch vorher überlegt zu haben, was mit Nim nach der Studie werden sollte, begann für ihn eine jahrelange Odyssee durch Zuchtstationen, Versuchslabore und Tierheime, in denen er erst langsam lernen musste, wie man mit anderen Schimpansen umgeht. In seiner Mischung aus Archivaufnahmen und Interviews mit Zeitzeugen zeichnet „Project Nim“ damit nicht nur das Bild eines Forschungsprojekts, sondern liefert auch ein eindrucksvolles Portrait der Forschungsmethoden der damaligen Zeit.

Für das überwiegend junge Publikum aus Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern bot sich somit im Hörsaal des DPZ ein Blick auf ein denkwürdiges Forschungsprojekt im Zeitgeist der 1970er Jahre. Anschließend diskutierten die Zuschauer das Gesehene mit Julia Fischer, die in ihren Anmerkungen nicht nur auf die Bedeutung dieser Forschung einging, sondern auch deutlich machte, dass das Forschungsprojekt „Nim“ nach heutigen Maßstäben inakzeptabel ist und hoffentlich nicht wiederholt wird.

erstellt von Christian Schloegl